Radio für die Augen II

Wie man Radio für Internet attraktiver macht.
Ergebnisse eines Workshops bei den Tutzinger Radiotagen.

Sechs Radiomacher haben sich gestern getraut. Sechs Radiomacher haben versucht, Töne fürs Netz sichtbar zu machen. In nur vier Stunden haben sie Geräusche, Atmo, O-Töne aufgenommen, Bilder geknipst, Audio-Collagen oder Beiträge produziert und Bilder dazu gebastelt – kurzum: eine Audio-Slide-Show erstellt. Viele Ergebnisse sind vielversprechend.

Beispiel 1:


Diese Audio-Slide-Show ist an vielen Stellen schon sehr gekonnt und nachahmenswert:

  • Schöner Einstieg mit vorgezogener Atmo noch unter dem Titel.
  • Klasse Detailbilder! Sie sind immer Hingucker. Vor allem durch punktuelle Schärfen.
  • Die Protagonistin ist eindeutig eingeführt und mit Großaufnahme vorgestellt.
  • Einer meiner Lieblingskniffe bei 1:09: Der Stopp-Trick. Er bringt – kombiniert mit dem richtigen Geräusch – Bewegung ins Standbild und wirkt immer ein wenig magisch.
  • Der Blick über die Schulter bei 1:21 bringt einen ganz nah an die Situation.
  • Insgesamt sind die Bilder sehr sensibel auf den Ton abgestimmt.
  • Der Rhythmus ist für mein Gefühl perfekt. Sehr ruhig. Und mit Mut, die Bilder ins Schwarz faden zu lassen und damit dem Ton Raum zu geben.

Das „einfahrende“ Bild bei 0:40 stört den Fluss dagegen ein wenig, finde ich. Ich bin kein großer Freund solcher Effekte. Und rate vor allem ab, das einzeln und einmalig einzusetzen. Wenn, dann müsste es als Stilelement mehrfach zum Einsatz kommen und einen erkennbaren Grund haben

Übrigens: Bemerkt? Ein Bild wurde zweimal verwendet. Und das ist gar nicht weiter schlimm. In einer Audio-Slide-Show stört das weit weniger als beim Film.


Beispiel 2:



Was für ein Schock! Dieser Film zeigt: Als Radioreporter ist man durch Schrift ersetzbar! Denn tatsächlich fügen sich kurze schriftliche Anmerkungen oder geschriebene Fakten oft eleganter in den Bilder- und Atmo-Fluss ein als der Reportertext eines klassisch gebauten Beitrags. Dass der Text hier sogar kommentiert und scherzt, ist ein nettes Experiment. Interessant vielleicht vor allem für ein jüngeres Publikum und für eher unterhaltende als reportierende Stücke. Also: Ruhig mal ausprobieren.

Schön ist auch die Spielerei mit dem störenden Telefon: Was zunächst nach Schnittfehler aussieht, illustriert durch die Wiederholung genau die Störung, die ja auch die Rezeptionistin erlebt. Die Schnitte sitzen nur leider nicht ganz genau an der richtigen Stelle. Aber im Workshop musste es am Ende eben ganz schnell gehen. Da blieb das auf der Strecke.

Schade ist, dass der Beitrag anfangs „plätschert“: Mit Bildern und Tönen, die wenig aussagen. Denn  für die Audio-Slide-Show gilt, was auch für den klassischen Radiobeitrag gilt: Die ersten Sekunden sind entscheidend. Hinhörer und Hingucker also nach vorne. Denn auch Internet-User sind schnell wieder weg, wenn’s nicht gleich los geht.


Beispiel 3:



Ein klassischer Radiobeitrag mit Bildern. Ein Hinhörer zu Beginn. Und man hört und sieht: Was im Radio wirkt, wirkt auch bei der Slide-Show. Da das Stück eher Fakten- als Stimmungsbericht ist, sind die Bilder natürlich sachlicher. Sie illustrieren vor allem. Manche sind vielleicht schon zu symbolisch. Sie wirken fast wie die Bilder, die wir aus klassischen Nachrichtenfilmen im Fernsehen kennen. Für meinen Geschmack zu arrangiert. Solche Bilder nehmen der Audio-Slide-Show das, was sie eigentlich besonders gut kann: Ihre Intimität, Nähe, Authentizität. Aber klar: Für so ein Thema fast nicht anders machbar.

Übrigens: Der Kollege hat – nachdem ihm zweimal die Tonspur abgestürzt und dann die Zeit knapp geworden ist – die AutoFilm-Funktion im Windows Live Movie Maker genutzt. Das Programm legt dann automatisch auf jedes Bild einen Effekt. Deshalb die vielen Zooms und Schwenks. ZU viele Zooms und Schwenks. Die sollten eigentlich sehr sparsam eingesetzt werden und wirken gehäuft beliebig und unruhig.



So viel also zu den Ergebnissen aus dem Workshop. Mehr allgemeine Tipps und Tricks zum Audio-Slide-Show-Machen demnächst. Außerdem Antworten auf die Frage: Wozu das alles? Dazu habe ich bei den Tutzinger Radiotagen einen Vortrag gehalten. Das Wichtigste daraus, gibt’s in den nächsten Wochen hier nachzulesen. Bis dahin hilft vielleicht schon mal das.

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